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Frankfurter Neue Presse, 17. September 2011
Zwischen Wein, Weib und Dichtung
Das Ensemble “Teatrum VII” begab sich im Frankfurter Gallus-Theater mit “Hoffmanns Erzählungen” auf die Spuren des romantischen Dichters E.T.A. Hoffmann.
Das Vorspiel auf dem Theater findet mit trinkfreudigen Protagonisten im Foyer statt. Ob der Geheimrat Goethe damit einverstanden gewesen wäre, dass sein berühmter “Faust” so auf E.T.A. Hoffmann angewendet würde, ist fraglich, denn allzuviel hielt er von dessen Schriften nicht.
Das freie Theaterensemble indes bricht mit sämtlichen Regeln konventionellen Spielens und dreht den Spieß um. Nach der Ouvertüre, die Motive von Jacques Offenbach aufgreift, wird im eigentlichen Theatersaal die ansteigende Zuschauertribüne bespielt, während die Gäste im Bühnenraum Platz nehmen. Es werden hier gekonnt Szenen aus dem Leben des Romantikers tableauartig unter der Regie von Sascha Weipert vorgeführt. Wir erleben einen aufgewühlten Dichter, zerrissen zwischen Schreiben und Frauen. Seine frühere Geliebte, eine begabte Sängerin, kann er nicht vergessen, suchte amouröse Abenteuer mit anderen Frauen, an die er sich jetzt weinselig erinnert: an die reizende, aber kühle Olympia, die sich schlussendlich als mechanische Puppe erweist, an die an Schwindsucht leidende, aber biedere Antonia, die vom Singen nicht lassen kann – oder an die Edelkurtisane Giulietta, an die er sein Herz und sein Spiegelbild verliert. Man erlebt diese Szenen klug inszeniert nunmehr in einem Raum, der für Theatergänger eigentlich tabu ist: im Keller der früheren Adlerwerke, der Heimat des Gallustheaters.
Für die musikalische Aufbereitung des von Arne Weber verfassten Textes sorgt Stephan Schmitt, der einige Lieder komponiert hat. Er selbst, Arne Weber und Janine Karthaus erweisen sich als gewiefte Interpreten. Zum Gelingen dieses Theaterparcours, für den man langen Atem braucht, tragen auf und hinter der Bühne, in Gängen und Nischen Jörg Harald Werron, Uwe Fröhlich, Iris Schimmangk, Jennifer Hempel und Lena-Mareike Kompa bei.
JSC
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Frankfurter Neue Presse, 20. August 2011
Banker-Yuppies im Zauberreich
“Teatrum VII” führte unter der Regie von Sascha Weipert in Frankfurts Kunsthalle “Familie Montez” Shakespeares “Sommernachtstraum” auf.
Der Nachtbar “La Concha” und dem Bordell “Pension Herzlich” gegenüber gelegen, zeichnen sich die Supermarkt-Räume der Spielstätte in der Breiten Gasse mit dem hühnerfüßigen Phallus-Bild über der Bar nicht durch Romantik aus. Aber sie passen zu Shakespeares Komödie, in deren verrückter Zaubernacht im Wald es erotisch ähnlich drunter und drüber geht.
Regisseur Weipert würzt das Original, das zunächst säuberlich Hofstaat, Volk und Zauberwesen trennt, im Gender-Stil des “Anything goes”. Nicht Hermia und Lysander sowie Helena und Demetrius finden sich am Ende, sondern ihr Kommen aus dem Wald wird zum Coming out von Weib- und Männlein unter sich. Feenkönig Oberon verliert zudem Titania an Zettel und erliegt selbst dem Charme des sehr weiblichen Doppel-Puck. Denkt man hinzu, dass ewig rinnendes Wasser nicht bloß das Becken im Zentrum fürs gelegentliche Frauen-Schlammcatchen füllt, sondern auch symbolisch den harten Stein der sexuellen Ordnung bricht, dann hat man die wichtigen Regieeinfälle ungefähr beisammen. Das schwülstig-sinnliche “Je t’aime” fügt sich den eher murksigen Klassikklängen als Hymne hinzu.
Nikolaus Nessler (Bühne) füllt die Halle mit einer Stoffwand hinten, zwei “Bäumen” aus lichten Zylindern mit Blattmuster davor, dem Becken und Schlupfwinkeln allüberall. Mara Scheibinger (Kostüme) deutet den Aktualisierungsaspekt und das Zauberische als Verhalten von Banker-Yuppies beim Afterwork: konservative bis ausgefallene Anzüge und Kostüme, rosa Flaum, bunte Fäden. Die Doppeldiener und der Doppel-Puck, so quecksilbrig wie zwillingshaft gespielt, agieren mal mit Zylinder, mal mit schweren Stiefeln und Korsett unterm strammen Hemdchen nebst Halbhosen. Mehr als Eric Lenke (Theseus/Oberon) und Zettel (Manuel Brandt) ragen diese Zwei heraus.
Leider missrät die Exposition, da das Ensemble den Hall nicht im Griff hat (vieles verwischt unverstanden), später bessert es sich und erzeugt hübsche Szenen. Im Stil gleicht das einer Kreuzung des Frankfurter “Theaters Landungsbrücken” mit der “Dramatischen Bühne” und verdient seinen Platz in der Menagerie.
MARCUS HLADEK
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Hofheimer Zeitung, 11.März 2011
Von Liebe, Verlangen und Skandalen
Hofheimerin Jessica Klauß auf der Frankfurter Bühne
HOFHEIM (rf) – Jessica Klauß stammt aus Hofheim und spielt zurzeit in einer Neuinszenierung der Theatergruppe teAtrum VII in Frankfurt. In der HZ berichtet sie über die Arbeit an einem Stück, das zu einem der größten Theaterskandale des 20. Jahrhunderts führte.
HZ: Sex, Lügen und Märchen – was genau hat der Zuschauer unter diesem Titel zu erwarten?
Jessica Klauß: Eigentlich genau das: es geht um Leidenschaft, Lügen, Macht, Sehnsucht, Lust und das generelle Verlangen nach Liebe. Zwölf Märchenfiguren erzählen zwölf Märchen und Lügengeschichten. Zwölfmal begegnen sich zwei Personen und bilden ein Paar. Die Geschichten werden vor und nach der Ausübung der Kopulation erzählt. In den Dialogen werden Märchen und Lügen dem Gegenüber erzählt, um ihn „rumzukriegen“. Die Gesellschaftsschicht steigt von Szene zu Szene, was allerdings nichts an dem eigentlichen Anliegen der Person ändert. Das Stück wird mit der Hexe eröffnet, welche es auch beendet, wodurch sich der „Reigen“ schließt. Eigentlich könnte das Stück dann wieder von vorne beginnen.
HZ: Das Vorbild zu dem Stück bildet Arthur Schnitzlers „Reigen“. Wie nah ist man an der Vorlage geblieben?
Jessica Klauß: In der Vorlage geht es um zehn Figuren, bei uns geht es um zwölf. Unser Regisseur Sascha Weipert hat zwei weitere Rollen dazu geschrieben und in das Stück integriert. Dann wurden bei uns Rollen beziehungsweise Dialoge vertauscht. In meiner Rolle ist das zum Beispiel der Fall. Die Sprache ist eine andere, eine modernere. Auch die Spielorte sind teilweise andere. Es ist eine moderne, komödiantische und experimentelle Inszenierung, der heutigen Zeit angepasst.
HZ: In welcher Rolle sind Sie zu sehen?
Jessica Klauß: Ich bin in der Rolle „Frau des Fischers“ zu sehen. Ich verführe den armen Studenten und begegne dann meinem Ehemann.
HZ: Das Stück sorgte seinerzeit für einen Theaterskandal und die Aufführung wurde zeitweise verboten. Ist das Thema auch heute noch ein heikles?
Jessica Klauß: Ich denke, es ist ein heikles Thema, allerdings wird es heute öffentlich in den Medien behandelt, ob in Zeitungen oder im Fernsehen. Heikel wird es wahrscheinlich immer sein, aber es ist im Gegensatz zu der damaligen Zeit kein sogenanntes „Tabu-Thema“ mehr. Vor Arthur Schnitzler wurde es, zumindest in der Öffentlichkeit, noch nicht behandelt. Er hat den Druck der ersten Ausgaben seines Werkes selbst finanziert und wusste genau, dass er über ein heikles Thema schrieb. Trotz allem hat sich sein Werk verbreitet und wurde zur damaligen Zeit „ein bekanntes unbekanntes Buch“.
HZ: Was genau ist das teAtrum VII und wie ist es entstanden?
Jessica Klauß: Das teAtrum VII gibt es seit 1996 als freie Theatergruppe, seit 2000 besteht es unter diesem Namen. Es ist ein experimentelles und modernes Theater. Stücke werden neu und auf ihre ganz eigene Art und Weise inszeniert. Vorhandene Texte werden umgeschrieben oder auch eigene Texte dazu geschrieben, die Stücke werden mit Musik oder anderen Medien untermalt. Es gibt keinen festen Spielort. Sex Lügen & Märchen spielt in der Frankfurter Diskothek „the cave“, einem Gewölbekeller mit einer ganz eigenen Atmosphäre. Die Zuschauer sind ganz nah am Geschehen dabei, dürfen und sollen während des Stücks ihre Sitz- und Stehplätze wechseln.
HZ: Sie stammen aus Hofheim. Wie sind Sie zum teAtrum VII gekommen?
Jessica Klauß: Ich habe eine Ausschreibung für das Stück gesehen, mich beworben und wurde im Januar zum Casting nach Frankfurt eingeladen. Das Casting war erfolgreich und somit wurde ich für das Stück besetzt.
HZ: Worin besteht die Herausforderung für die Schauspieler bei diesem Stück?
Jessica Klauß: Die Herausforderung besteht darin, offen für das Thema zu sein. Man hat in der Regel immer nur einen direkten Spielpartner, dem man zeitweise sehr nah ist – auch körperlich. Darauf muss man sich einlassen können. Die meisten Kollegen kannten sich vor der Produktion noch nicht. Ich kannte meine Spielpartner auch nicht. Das ist natürlich nicht einfach, sich auf Knopfdruck und weil es das Textbuch so vorgibt, nah zu sein. Das ist immer eine Herausforderung für einen Schauspieler.
HZ: Gibt es ein Fazit, das vermittelt werden soll?
Jessica Klauß: Fazit ist: wir sind alle gleich. Jeder hat, egal in welcher Gesellschaftsschicht er sich bewegt, das Verlangen und die Sehnsucht nach Liebe. Jeder möchte dieses Verlangen stillen und tut das vielleicht auch um jeden – und damit einen sehr egoistischen – Preis.
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www.strandgut.de/2010/H1008/inhalt/thtk_002.htm
BetTrügerei – Tartüff im Swingerclub
Im Bürgerhaus Orgon läßt Madame Pernelle die Zügel schleifen. Wer im promisken Hin und Her auf rosarotem Großbett zu wem gehören mag, ist nur schwer zu deuten. Aber auch egal. Hauchdünne Negligés, hautenge Tiger-Leggings und schwarzer Kniestiefellack: Szenen wie aus dem Swingerclub eröffnen das Spektakel.
Sündig und gothic, als »schwarze Komödie« führt teAtrum VII seine Produktion »BetTrügerei« auf. Molieres Tartüff steht dafür Pate, ein wenig auch das »The Cave«. Im Keller des Szene-Clubs nimmt Regisseur Sascha Weipert das mit dem Lust-Spiel wörtlich und stellt alles kopf, was wir tartüff-technisch von Barock am Main oder dem Schauspiel frisch erinnern.
Und das hat seinen nicht nur wäschebezogenen Reiz: Weiperts Tartüff ist eine verkappte Lesbe im Nachthemd. Sein Orgon geilt sich am Töchterchen Mariane auf und leidet wonnig, wenn ihm das Hausmädchen Dorine in die Eier tritt. Frau Elmire läßt sich gerne fesseln, Sohn Damis ist schwul. Kein Akteur, den Weipert nicht aus Rolle fallen läßt, und doch bleibt die Handlung vertraut: Tartüff erheuchelt sich erst das Vertrauen und dann das gesamte Gut des Vaters. Das Happy End bleibt aus.
Hübsch ist der Einfall, das Publikum auch mal aus dem Keller zu führen. Vor die Tür, wo Orgon den legendären »Und Tartüff?«-Dialog bestreitet. Und zur Peterskirche, wo Damis Geliebter Valère in Inri-Pose an der Mauer hängt. Der Gang ins Freie lädt zu Gesprächen ein. »Moliere hätte das gefallen«, meinte jemand. Weiß ich’s?
Daß Papa Orgon die hübsche Mariane ein Pißgesicht und Ärgeres nennt, läßt sich weder optisch noch genealogisch nachvollziehen. Mir gefielen Manuel Brandt als Gerichtsvollzieher und Janine Karthaus als Dorine am besten. Auffällig zudem, wie die anfänglich so bemühte Vulgarität der Dialoge zunehmend erlahmt: als hätte die Regie gemerkt, daß irgendwann gut sein muß damit.
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http://www.reinmein.info/kurzum/singleview/article/buehne-eine-discothek-vorm-parkhaus-ein-friedhof.html
Bühne: eine Discothek, vorm Parkhaus, ein Friedhof
Das klingt nach einer ungewöhnlichen Inszenierung. “BETTrügerei”, eine Komödie nach Jean Baptiste Molières “Der Tartuffe oder Der Betrüger”, hatte am 10. Juli 2010 Premiere. Es spielen Ensemblemitglieder der freien Frankfurter Theatergruppe “teAtrum VII” unter der Regie von Sascha Weipert. [...]
BETTrügerei spielt mit den Rollen. Gast des Hauses, Tartuffe, ist eine Frau. Orgon, ein schwieriger Charakter (um höflich zu bleiben) und Möchte-gern-Oberhaupt der Familie, ist ihr ergeben wie ein Dackel. Er möchte, dass sein Sohn Damis seine Verlobung mit seinem Geliebten Valère löst und Tartuffe, “die Gute”, heiratet. Damis und Valère trennen sich tatsächlich, weil sie nicht in der Lage sind, offen und ehrlich über ihre Gefühle zu sprechen. Die gegenseitigen Verletzungen führen zum Selbstmord von Valère.
Orgon hält Tartuffe für eine hochanständige, gottergebene Frau. Tartuffe findet indes Gefallen an Orgons Frau Elmire und wirbt um sie. Elmire, die auf Tartuffes Liebesschwüre nicht eingeht, ihr Bruder Cléante, Tochter Mariane und das Hausmädchen Dorine versuchen Orgon davon zu überzeugen, dass Tartuffe eine BETTrügerin ist. Aber Orgon schenkt ihr, notariell beurkundet, sogar das Haus der Familie. Als es Elmire gelingt, Orgon das wahre Gesicht von Tartuffe zu zeigen, verbündet er sich mit seiner Familie gegen sie.
Und die Familie mit ihm. Unglaublich, denn hätte Hausmädchen Dorine es nicht verhindert, hätte Orgon, der schon seinen Sohn ins Unglück gestürzt hat, auch noch seine Tochter Mariane sexuell missbraucht. Madame Pernelle, Orgons Mutter, hält zu Beginn des Stückes allen Familienmitgliedern ihren Spiegel vor. Doch auch sie ist am Ende im Familiensumpf gefangen. Und wer lacht zuletzt?
Die Sprache ist nicht immer den Rollen angepasst. So spricht die weibliche Tartuffe beispielsweise “nenn’ mich Betrüger” anstatt Betrügerin. Darüber hinaus machen die Dialoge insgesamt Freude (weitgehende Übernahme des übersetzten Originaltextes), wären da nicht zwischendurch die Salven von derben Beschimpfungen. Sie dienen weder dem Inhalt noch den Charakteren. Dass der reiche Bürger Orgon ein doppelmoralisches hartes Weichei ist, bleibt auch so nicht verborgen. Die vielen “Huren” und “Fotzen” und anderen diskriminierenden oder gar sexistischen Beschimpfungsvarianten (auch andere Rollen haben sie in ihren Texten) sind in der Häufung nervig bis ärgerlich. [...]
Die Idee, unterschiedliche Spielorte aufzusuchen, ist wunderbar. [...] Highlight ist die Friedhofsszene, an der auch zufällige Passatinnen und Passaten mit fragenden Blicken teilhaben. Eine skurrile Kulisse bietet die Straße zwischen Diskothek und Parkhaus. Der Gewölbekeller der Diskothek wird bis in alle Ecken bespielt und die Zuschauenden sitzen mittendrin. Die professionellen sowie Laien-Schauspielerinnen und Schauspieler von “teAtrum VII” überzeugen.
DÖRTHE KROHN
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Frankfurter Neue Presse, 30.Juni 2009
Vor uns die Sintflut und der Weltuntergang
Peter Kapps Endzeit-Farce «Nimskys Taube» gastierte unter der Regie von Sascha Weipert beim Autorentheater in der Frankfurter Brotfabrik.
In manchem erinnerte die Uraufführung durch das »teAtrum VII« an Harald Müllers Erfolgsstück »Totenfloß«, das vor einem öko-apokalyptischen Vierteljahrhundert das Orwell-Jahr aufpeppen half. Trieb damals ein Floß der Verdammten durch die verseuchte Bühnenwelt, so wirft Autor Kapp nun die Anker.
Dirk Zill (Ray), Tatiana von Kutzleben (Billy, Jona), Bianca Bernt (Thalia) und Walter Jauernich (Professor Nimsky) sitzen beim Frankfurter Autoren-Theater auf einem Hochhaus an der Ostseeküste fest, denn ringsum herrscht Sintflut. Eine Situation, die das Stück auch so nennt und mit der Bildwelt von Noah und der Geschichte von Jonas und dem Wal auffüllt. Bei der titelgebenden Taube handelt es sich freilich um Artefakte, mit deren Konstruktion sich Nimsky als Symbolgestalt technikgläubiger Kurzsichtigkeit beweist und das Festland zur Rettung rufen will. Natürlich scheitert das; Weipert gibt ihm passend miserable Papierflieger an die Hand.
Dabei könnte nicht nur infolge der farcenhaften Logik alles so einfach sein. Die Männer des Stücks müssten nur auf ihre Frauen hören, aus dem Fenster und in die liebe Natur gucken. Dann könnten sie den Wal, dies Wunder, das ein Gott ihnen schickt, nicht länger ignorieren und würden sich ihm als Fluchtkreatur, anvertrauen, mit Jona (!), die ganz in Weiß auftritt, als Whalerider. Weiperts Akteure halten trotz des biblischen Plots und seiner naiven »Kritik der Aufklärung« ironischen Mindestabstand zum Bekenntniswahn, der »Totenfloß« einst ungebührlich hochjubelte. Gute Ansätze so weit, wenngleich man sich fragt, wie pietistisch ernst oder rettend grotesk das Ganze letztlich ist. Die Regie hätte da manches klären können. Die Bühne voller Papierschiffchen versetzt uns immerhin in eine Vogelperspektive über dem Ozean und erfüllt zugleich ihren assoziativen Zweck: Männerspielchen.
MARCUS HLADEK
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Frankfurter Allgemeine Zeitung, 4. Juli 2009
Mit der Bibelkeule
»Nimskys Taube« im Autoren Theater
»Es gibt mehr Dinge zwischen Himmel und Erde, als eure Schulweisheit sich träumen lässt.« Vielleicht ja auch einen wundersamen Retter, wenn einem das Wasser bis zum Halse steht? Der Wissenschaftler Ray (Dirk Zill) wäre jedenfalls um jegliche Hilfe froh, ganz gleich, ob himmlische oder irdische. Ray ist mit drei weiteren Menschen in einem von Wasser umspülten Hochhaus an der Ostseeküste gefangen. Der Wasserspiegel ist nach der Klimakatastrophe um viele Meter gestiegen und die Verbindung zum Festland abgeschnitten. Rays Hoffnung ruht nun auf einer künstlichen Taube, die vom genialen oder doch nur irren Professor Nimsky (Walter Jauernich) dazu entwickelt worden ist, rettenden Kontakt mit der restlichen Welt aufzunehmen.
Im Gegensatz zu Ray und zum Professor will die Computerspezialistin Billy (Tatiana von Kutzleben) nicht auf Nimskys Taube setzen. Sie glaubt, nur mit der Hilfe Gottes oder eines göttlichen Wunders der Situation entfliehen zu können, und bringt mit dieser Überzeugung auch die ätherische Thalia (Bianca Bernt) zum Grübeln. Als ein Wal auftaucht, scheint die Rettung nahe, aber nur für diejenigen, die bereit sind, an eine höhere Fügung zu glauben.
Peter Kapps Endzeit-Groteske »Nimskys Taube«, die nun in einer Inszenierung von Sascha Weipert im Frankfurter Autoren Theater in der Brotfabrik uraufgeführt wurde, spielt mit den Gegensätzen von Wissenschaftsgläubigkeit und Gottergebenheit, ohne allerdings die Rolle des Beobachters aufzugeben und Position zu beziehen. Kapp lässt einen nach den ungeschriebenen Regeln der Farce mit einem Sprachfehler geschlagenen Professor und einen wie Hamlet mit sich ringenden Hauptdarsteller Ray auf zwei eher biblischen Motiven und Geschichten gegenüber aufgeschlossenen Frauen treffen. Aus dieser Konstellation entsteht nun aber kein funkelnder aufklärerischer Diskurs oder auch nur ein Showdown von Technikfreaks und Kreationisten, sondern allein die absurde Situation, dass die beiden Kerls das Meer vor lauter Wasser nicht sehen, die Frauen hingegen den Wal als probates Reisemittel ansehen, wovon sie nicht zuletzt das Auftauchen des weiß gewandeten, engelsgleichen Jona (ebenfalls Tatiana von Kutzleben) überzeugt.
Von Jona weiß die Bibel zu berichten, dass der Prophet von einem großen Fisch verschluckt, nach drei Tagen und drei Nächten im Bauch des Fisches unversehrt an Land gespuckt wurde. In der Geschichte von Jona (dem hebräischen Wort für Taube) geht es aber auch um die Stadt Ninive und die Buße der dort lebenden Menschen, welche die Stadt vor der Zerstörung rettet.
Ob Kapp hier die alttestamentarische Keule in voller Absicht schwingt oder der biblische Plot nur eine weitere Facette der Farce ist, wird bei Weiperts Inszenierung nicht recht deutlich. Eine pointiertere Regie hätte hier mehr Licht auf die etwas kruden, teils auch in parapsychologische Gefilde abdriftenden Gedankenströme der Figuren lenken können. So bleibt nur eine Variante des guten alten Sprichworts: Lieber den Wal zur Hand als die Taube auf dem Dach.
CHRISTIAN RIETHMÜLLER
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Frankfurter Rundschau, 13.Juli 2009
Ein Post-Apokalypse-Stück
Die Prophetin aus dem Wal
Der abgewrackte Typ sagt: “Eigentlich konnte nichts schief gehen.” So fängt es immer an, wenn es inzwischen gewaltig schief gegangen ist, auch in dem skurrilen Post-Apokalypse-Stück “Nimskys Taube”, das der Frankfurter Lyriker Peter Kapp geschrieben hat.
Die Welt ist offenbar weitgehend untergegangen. Eine Sintflut? Ein Tsunami, der nicht richtig ablaufen konnte? In einem anscheinend gut abgedichteten Hochhaus redet sich eine Gruppe Peenemünder Wissenschaftler die Köpfe heiß und verliert langsam die Nerven. Der Chef, Professor Nimsky, stellt unermüdlich Flugobjekte her, die nach Rettung, Festland und anderen Überlebenden der großen Flut Ausschau halten soll.
Dass er das Wort “Gott” aus dem Munde seiner Assistenten nicht erträgt er selbst führt es ständig unnütz , hindert ihn nicht daran, à la Noah auf das Modell Taube zu setzen. Seine Mitarbeiter sind teils verliebt, teils entwickeln sie religiöse Wahnideen. Als ein Wal auftaucht, mit dem eine freundliche Ex-Reisebüromitarbeiterin namens Jona unterwegs ist, um die Menschen zu warnen zu spät, wohlgemerkt! , stellt sich allerdings die Frage, ob das tatsächlich nur Wahnideen sind. Mehrere U-Hochhaus-Bewohner steigen in den Wal um.
Zu sehen ist das in einer 70-minütigen Rückblende, rekonstruiert von Nimskys Mitarbeiter Ray, den man am Anfang einsam wie einen Gestrandeten zwischen Papierschiffchen auf der Bühne des Frankfurter Autorentheaters in der Brotfabrik antrifft. Hier ist das Teatrum VII zu Gast, Sascha Weipert inszeniert die Uraufführung von “Nimskys Taube”, einem Stück, in dem man sich erst einmal zurechtfinden muss. Die Darsteller helfen einem nicht dabei, setzen auf Künstlichkeit und eine somnambule Atmosphäre: Dirk Zill als Erzähler Ray, dazu Bianca Bernt, Tatiana von Kutzleben und Walter Jauernich, die für kurze Momente die Rollen tauschen. Wie Ray sollen wir nie zu festen Boden unter den Füßen haben.
Das Erklärungslose ist der Charme des Stücks. Zumal es nicht verhindert, dass den Wissenschaftlern ein schlechtes Zeugnis ausgestellt wird. Ausgerechnet die Experten die die Katastrophe sogar mitverursacht haben könnten werden jetzt zu Verrätern der eigenen Sache und aller anderen Sachen auch: driften ins Religiöse oder ins Private, versuchen abzuhauen. Den Tüftler Nimsky interessiert nicht eine Lösung des Problems, sondern ein Versuchsfeld für seine Automaten. Als nächstes will er es mit einem Goldfisch versuchen. Fit für das Überleben ist keiner dieser ehemaligen Schlaumeier. Das hat nichts Tröstliches.
JUDITH VON STERNBURG
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Frankfurter Rundschau, 15. März 2007
Ein Schuss? Ein Champagnerkorken?
Alles geschieht wie nebenbei: Anton Tschechows „Möwe”, aufgeführt in der Naxoshalle vom teAtrum VII
Den schwarzen Hut vorm Gesicht, hängt der eine über seinen Stuhl gebeugt, eine junge Dame mit weißem Band im Haar schaut stumpfen Blicks in die Luft. Eine ganz in Schwarz gekleidete Anna Kournikova kaut auf grünen Gummischnüren herum, demonstrativ schlecht gelaunt, zugleich von sexueller Aggressivität in ihrer Gestik.„Was könnte stumpfsinniger sein, als die Langeweile auf dem Land?” wird die ältere Schauspielerin Irina Arkadina (Carmen Weipert) in dieser Aufführung von Tschechows Möwe später sagen. Da hilft auch der schöne Ententeich nicht viel, der auf eine Leinwand in der Frankfurter Naxoshalle projiziert ist.
Rund um die lümmelnden Darsteller lümmelt sich das Publikum. Der Übergang ist fließend. Wer vorne, auf einem der Sofas sitzt unter Decken, die vor der Kälte in der früheren Fabrikhalle schützen, bekommt schon mal einen Schnipser Wackelpudding ab. Sascha Weiperts Inszenierung des 1896 entstandenen Künstlerdramas nimmt sich Zeit.
Viel Text ist gestrichen. Mehr als die Dreiecksgeschichte vom jungen, zunächst erfolglosen Schriftsteller Konstantin (Sebastian Hinz), einem älteren Erfolgsautor (Walter Jauernich) und einem Mädchen (Lena-Mareike Kompa), das erst den einen, dann den andern liebt, scheint die TeatrumVII-Gruppe die Atmosphäre des Stücks interessiert zuhaben. Die erinnert in der Naxoshalle freilich weniger an die vorvergangene Jahrhundertwende als an die jungen, reichen, gelangweilten Russen, die seit der Wende gerne in Kitzbühel und Marbella feiern.
Natürlich schießt Konstantin eine Möwe, ist seine Muse Nina in einem Mini-Theaterstück im Stück zu sehen, wie sie mit größtmöglichem Pathos von ihm geschriebenen Stuss verkündet, fällt auch in dieser rund zweistündigen Inszenierung am Ende ein Schuss – oder knallt doch nur ein Champagnerkorken? Das geschieht aber alles wie nebenbei. Weiperts Möwe funktioniert als ein sozusagen pluralistischer Seh-Spaß, in dem es zu hören, vor allem aber viel zu schauen gibt.
Viel interessanter als das Gerede über das Künstlertum ist doch, zu sehen, wie Mascha (stark: Petra Sauermann) schattenboxt und sich ihren Verehrer, den tumben Lehrer (Sven Kube), der mitmachen will, immer wieder mit angetäuschten Schlägen vom Leibe hält. Oder wie Mike Köhler als Konstantins Onkel katzenhaft auf eine der die ehemalige Fabrikhalle durchziehenden Querverstrebungen klettert, um mal aus anderer Perspektive das Treiben der Gelangweilten zu betrachten.
CHRISTOPH MANUS
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Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10. April 2007
Künstlerhotel
Anton Tschechows “Die Möwe” in der Frankfurter Naxoshalle
Die Langeweile kriegt sie alle. Es ist Sommer, man trifft sich am See: “Aus irgendeinem Grund bekommt mir das Landleben nicht”, heißt es, und doch bleiben sie. Borís Alexéwitsch Trigórin, der erfolgreiche Schriftsteller, seine Freundin Irína Arkádia Trepljówa, die erfolgreiche Schauspielerin, ihr Sohn Kostja, der erfolglose Schriftsteller, Nína Sarjétschnaja, seine Geliebte. Doch der See: ein an die Wand geworfenes Bild, der Sommer: Erfindung. In der Frankfurter Naxoshalle haben die Zuschauer die Jacken anbehalten, “Die Möwe” von Anton Tschechow wird dort vom “Teatrum VII” gespielt, und je kürzer die Röcke der Schauspielerinnen werden, desto kälter wird es in der Halle.
Kostja (Sebastian Hinz) hat ein Bühnenstück geschrieben. Carmen Weipert in der Rolle der Mutter macht sich lustig, ihre Freunde kichern, “eher wie ein Vortrag” sei das Ganze, ganz neu zwar, aber nicht unterhaltsam. Möwenkreischen wie von ferne tönt aus den Lautsprechern, während man sich schnell dem Alkohol zuwendet. Kostja aber steht gekränkt im Abseits. Alles scheint sinnlos, nicht nur ihm, doch die anderen wissen die Sinnlosigkeit besser zu verdrängen. “Mein Leben zieht sich wie ein endlos langer Schleier hinter mir her”, das ist die Erkenntnis des Tages, bevor alle in langen, weißen Bademänteln moshen, als wären sie beim Trash-Metal-Konzert. Nur Kostja nicht.
Regisseur Sascha Weipert hat Tschechows Drama so inszeniert, als könnte es sich auch heute in jedem beliebigen Wellnesshotel mit Künstlergästen abspielen. Die Leere ist groß, doch der Wunsch nach Anerkennung größer. Lena-Mareike Kompa als Nína begeistert sich immer mehr für Trigórin (Walter Jauernich), doch der sagt von sich selbst: “Ich kann mir nicht entkommen.” Nina, die Möwe, so nennt Kostja sie, und stellt ihr einen Schuhkarton hin. “Ich war heute schlecht gelaunt genug, um diese Möwe zu töten”, spricht er, als sie den blutigen Vogel darin findet.
Dass nicht jede Suche mit dem Finden von etwas endet, merkt sie zwar nicht schnell, aber immerhin überhaupt. Nach Jahren kehrt sie zurück, desillusioniert. “Rauh und plump sind ihre Bewegungen”, stellt Kostja über die Gescheiterte fest, und er, der Bejubelte, kann sie dennoch nicht für sich gewinnen. Ein Knall – der Korken einer Champagnerflasche? So vermuten die Mutter und die Bekannten, es ist das Einfachste für sie. Immerhin, am Ende schreit die Möwe nicht mehr.
FRIEDERIKE HAUPT
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Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13. April 2006
Autoritäten in Kutte und Kittel
»Jeanne: Dark« im Frankfurter Kellertheater
Eine Handvoll Teenager liegt, kauert oder räkelt sich auf den verschiedenen Ebenen des Raums. Solange ihre Äugen gefesselt sind von dem Trickfilm, der auf dem Bildschrim flimmert, sind sie abgelenkt – sonst würden sie sich beschäftigen mit ihrer Situation, würden aufeinander losgehen, würden agieren und die nötigen Gegenmaßnahmen der Obrigkeit provozieren. Es ist eine Obrigkeit in weißen Kitteln, die Allmacht hat gegenüber den jungen Frauen in einer geschlossenen Abteilung der Psychiatrie. Hier wird ihnen jede individuelle Regung als krankhafte Entgleisung angelastet, so wie im Mittelalter jede heute selbstverständliche Erkenntnis als Ketzerei geahndet werden konnte.
Die Gleichung zweier durch die Jahrhunderte getrennter autoritärer Systeme versucht Sandra Inhofer nun im Frankfurter Kellertheater mit »Jeanne: Dark«, einer Kombination aus der Geschichte der Johanna von Orléans und dem Film »Girl, Interrupted«. In Sascha Weiperts Inszenierung für die Junge Bühne Frankfurt und teAtrum VII öffnet diese Gleichung die Augen für die Verwirrten, die Verachteten. Wenn sie sich auf die Erleuchtung und Leitung durch überirdische Stimmen berufen, werden sie weggesperrt, während sie in anderen Kulturen womöglich als Schamanen gehört und geehrt würden.
Auch in der Zeit der Johanna von Orléans führte eine solche Wahrnehmung auf den Grat zwischen Verehrung und Verfolgung. Die historische Heldin hat beides durchlebt, wurde dem Hexenwahn geopfert und als Ikone im Bewußtsein einer ganzen Nation verankert.
In der Psychiatrie ist die Heilige, die hier von den verschiedenen Patientinnen als Joan, Hanne oder Janis in Anspruch genommen wird, eine von vielen anderen Figuren wie König oder Erzbischof. Die einen fragen sich, warum sie überhaupt hier sind. Eine andere ist sicher, daß sie bald weg ist, wenn sie nur Schwert und Rüstung bekommt.
Das Stück zieht die Sympathien auf die Seite der Kranken, wertet ihre Verwirrung als Reflex auf eine unverständliche Realität, auch wenn sie den Stimmen der Unvernunft, zumindest der Unlogik, folgen. Es reicht, daß die Vertreter der Vernunft die Macht haben und damit nicht eben einfühlsam umgehen. Reglementierungen mit verschärfter Beobachtung, mit Isolation, mit Tabletten erscheinen dabei als Instrumente aus dem gleichen Fundus wie Verlies und Exkommunikation, die Analyse wirkt so bedrohlich wie die peinliche Befragung, das Personal von heute im weißen Kittel so inhuman wie die Honoratioren in Kutten und Roben von damals.
Die Darsteller, die der Doppelbödigkeit ihres Auftritts teilweise durch Doppelrollen entsprechen, schaffen in dem mit Soundtrack und Kostümen der Zeit des Vietnamkriegs zugeordneten Drama eine beklemmende Differenz zwischen den Fronten. Mit mehreren Gesichtern geben sie einem von Überzeugung, von exklusivem Wissen unangreifbaren Charakter Kontur. Und sie entfalten das Spektrum einer Expertenkaste, die mit ihrem Sachverstand, ihren Überzeugungen und Machtbefugnissen ein eigenes Weltbild, eine eigene Sprache und ein eigenes Rechtssystem etabliert hat. Von der Diagnose zum Dogma scheint da nur ein Schritt zu liegen.
Gelegentlich verliert der Zuschauer die Orientierung in der Aufführung, bei der auch die herkömmlichen örtlichen Gegebenheiten im Kellertheater aufgehoben sind. Die Infragestellung der eigenen Sehweise ist Bestandteil des Stücks.
JÜRGEN RICHTER
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Frankfurter Rundschau, 15. März 2006
Heilige im Kuckucksnest
Das »teAtrum VII« steckt Jeanne D’Arc in ein Psychiatrie-Drama
Über manche Frage wurde schon so viel philosophiert, dass auf sie im Grunde keine spannende Antwort mehr zu erwarten ist. Eine davon ist: Was ist eigentlich normal und was geisteskrank. Seit einer übers Kuckucksnest flog, spätestens aber seit dem 1999er Hollywood-Drama Girl, interrupted dürfte auch im mittelsten Mainstream als ausgemacht gelten: alles Ansichtssache. Denn während die Kinofilm-Protagonistin (nach einem wahren Fall) in der Psychiatrie landet, tobt draußen der Sechziger-Jahre-Irrsinn von Vietnam über Kennedy-Mord bis Mondlandung.
Eine Menge vorgenommen
Dieser Widerspruch spielt in Jeanne: Dark, der freien Bearbeitung des Stoffs von der Frankfurter Theatergruppe »teAtrum VII«, keine Rolle mehr. Stattdessen hatte Produzentin und Autorin Sandra Inhofer die Idee, die Legende von Frankreichs Nationalheiliger Jeanne D’Arc, der sogenannten Jungfrau von Orléans, mit der Geschichte der suizidgefährdeten Jugendlichen aus besagtem Film zu verschränken. Denn beide hören Stimmen – beileibe nicht die einzige Parallele. Dieser Einfall ist tatsächlich originell genug, um doch noch neue Aspekte zur alten Frage zu erwarten – gleichzeitig nimmt sich die Gruppe aus Laien- und Profischauspielern damit aber eine Menge vor.
Allein die unablässigen Rollen- und Szenenwechsel, die schieren Textmengen mal religiösen, mal psychiatrischen Inhalts, sind harter Tobak für Ensemble und Publikum, dazu kommt die Schwierigkeit, psychisch Kranke zu spielen, ohne allzu tief in die Klischeekiste zu greifen oder allzu laut herumzubrüllen. Das gelingt den Darstellern der Mädchenclique um die Soziopathin Janis, die missbrauchte Dusty und die magersüchtige Cass nicht immer. Trotzdem sorgen die jungen Frauen auch für die intensivsten Momente des Stücks: Wenn etwa Lena-Mareike Kompa in der Hauptrolle der Joan von ihrer inneren Stimme Hannah (Sylvia Kollwicz) dazu getrieben wird, nachzusehen, ob da tatsächlich Knochen unter der Haut sind; wenn die Insassinnen über die Gründe und Konsequenzen der Selbstverbrennung von Petula (Katharina Hofmann) raunen und von ihren Schreien unterbrochen werden – dann entsteht tatsächlich Gänsehautatmosphäre.
Um aber die Idee auszureizen, die beiden Stimmen-Hörerinnen Jeanne und Joan gegenüberzustellen, fährt Regisseur Sascha Weipert schwerere Geschütze auf: 13 Darsteller in 27 Rollen agieren auf mindestens vier verschiedenen Handlungsebenen, nutzen dazu den gesamten Raum des Frankfurter Kellertheaters – und dürfen es fast nie bei einer Andeutung belassen.
Das führt dank eines schräg-dekadenten Erzbischofs (Walter Jauernich) und eines verhuschten Kronprinzen (Martin Sonnabend) zu schrillen, David-Lynch-haften Szenen, die gut als Illustration der Halluzinationen der Mädchen funktionieren. Auch die Metapher des Scheiterhaufens, auf dem die eben noch Heilige Johanna bekanntlich endet, hilft der verflochtenen Story, doch noch auf einen Höhepunkt zuzusteuern.
Trotz allem fragt man sich, warum ein flott erzählter Plot zu einem nur mäßig verwirrenden »Verwirrspiel« (so das Programm) von zwei Stunden Dauer aufgeblasen wird. Die Erkenntnis, dass Geisteskrankheit eine zweifelhafte Diagnose unter dem Diktat von Ort, Zeit und Interessen Dritter ist, ist als Ergebnis jedenfalls etwas mager.
STEVEN GEYER
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Frankfurter Neue Presse, 9. Februar 2004
Hitler steigt aus der Hölle
Sascha Weipert wagte sich mit »teAtrum VII« im
Kellertheater Frankfurt an Goethes »Faust«.
Einschüchterung durch Klassizität steht diesem »Faust im Spiegel der Gegenwart« fern. Das kleine Ensemble junger Frauen (Jasmin Hörning, Lena Landrock, Carmen Weipert) und Männer (Christoph Dornauf, Sebastian Hinz, Sven Kube) mag sich vor dem Ballast an Bildungsgut und Tradition zwar erschrocken haben, die Spiellaune aber ließ es sich nicht nehmen.
Dass die drei Hauptfiguren vervielfacht sind (die Gretchens wasserstoffblond in rotem Lack oder Schulmädchen-Minirock) und die Besetzung rotiert wie ein überdrehter Kreisel, ist zwar der »dernier cri« von vorgestern. Die Brechung des Spielflusses durch einen grotesken bis referatartigen Einstieg und reflektierende Zwischenspiele zerlegt und rekonstruiert das Stück – auch das sah man schon besser. Kein philosophisch scharfer, neu visionierter »Faust« also. Jedoch kommt einiger Humor und Spaß am Film-»Gothic« zum Tragen, wenn Fausts Hut und Mantel an Coppolas Dracula erinnern, er sich wie Frankensteins Monster über Mädchen-Gretchen hermacht oder studentisch-unbekümmert als Hitler-Faust aus der Hölle aufsteigen darf. Wer nicht darauf besteht, sich vom x-ten schlecht dekonstruierten Heinrich F. vergrätzen zu lassen, vergnüge sich also am Kabarett-»Faust«.
Auf der länglichen Spielfläche laufen die Schlüsselszenen in mehreren historischen Stilformen hintereinander durch oder in Stummfilm-Manier ab. Anhand einer gestellten »Faust«-Probe rücken satirisch Eitelkeiten des Theaterbetriebs ins Bild. Wenn die Musikwahl pennälerhaft bunt ist (»Fred vom Jupiter«, Knefs »Für mich soll’s rote Rosen regnen«), fließt doch am Ende, da es für Gretchen aufs Schafott geht und Faust seine Grenzen erkennt, Pathos ein, besonders dank Sven Kube, der seinen Faust leicht verwaschen, etwas schlampig und doch am kraftvollsten und überzeugendsten spielt. Auch die Gretchens sind nicht übel. Ein richtig guter Regieeinfall (die Sache mit dem Spiegeltisch) für den ganzen Puzzle-»Faust« ist freilich zu wenig und im Ergebnis nur mittelprächtig.
MARCUS HLADEK
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Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27. März 2002
»Schon wieder sagst du Sie«
Sascha Weipert inszeniert den »Reigen« von Arthur Schnitzler
am Frankfurter Kellertheater
Es ist immer ein Liebespaar auf der Bühne des Frankfurter Kellertheaters: Doch jeweils in der nächsten Szene wird ein Partner von einem neu dazukommenden abgelöst. Ein »Reigen« der Sexualität entsteht. In der Person der Hure fallen endlich Anfang und Schluß der zehn Liebesszenen zusammen. Auf diese Weise wird noch einmal die formale Kreisstruktur des Stücks von Arthur Schnitzler vor Augen geführt, das bei seiner Aufführung 1920 in Berlin einen gewaltigen Skandal auslöste. Denn der »Reigen« zeigt Szenen vor und nach dem Geschlechtsakt.
Was dabei herauskommt, ist keine Erregung öffentlichen Vergnügens, sondern eine Art Totentanz: Vor dem sexuellen Trieb sind alle gleich. Doch die Werberituale haben sich verändert, seit das Stück 1912 in Budapest uraufgeführt wurde. Entwickelten sie sich früher bei steigendem Sozialniveau der Beteiligten immer komplizierter, so benutzen jetzt Männer wie Frauen im Zweifelsfall ein »four-letter-word«, um ihr Begehren auszudrücken. Doch leitmotivisch sind die Fragen nach der Vergangenheit des anderen, nach der Glaubwürdigkeit seiner Zuwendung geblieben. Zwischen realer Intimität und innerer Fremdheit schwankt der Wechselkurs der Gefühle: »Schon wieder sagst du Sie.« Die Gleichgültigkeit, die bei Schnitzler mit der Kälte erst »danach« kommt, ist jetzt auch »davor« schon da: Wenn der Pilot bei dem Straßenmädchen hängenbleibt, hat er eigentlich keine Lust auf ein Abenteuer. Und statt für die angebotene Wohnung entscheidet er sich, aus Zeitgründen, für die freie Natur.
Sascha Weipert hat mit seiner »Reigen«-Inszenierung im Kellertheater (in Kooperation mit dem »teAtrum VII«) den Ehrgeiz gehabt, die Szenen nicht im Wien der Jahrhundertwende zu belassen, sondern sie in die Gegenwart zu holen. Er verändert die berufliche Zuordnung seiner Typen: Statt des süßen Mädels zeigt er die Studentin, statt des Grafen den Minister. Die Dialoge hat er zwar rigoros zusammengestrichen, aber sie lassen sich dennoch wiedererkennen. Und er hat neue Handlungselemente hinzugefügt: So sieht sich die Ehefrau der sexuellen Attacke ihres Manns ausgerechnet auf dem Bett ausgesetzt, unter dem ihr Liebhaber auf seine Chance wartet. Manchmal hatte der Regisseur hübsche Einfälle, etwa wenn er die männliche-weiblichen Aktiv-/Passiv-Rollen zwischen dem angeblichen schüchternen Studenten und der routiniert verführenden Ehefrau gegenüber dem Original tauscht.
Zwar verliert das Stück so an Notwendigkeit und Logik, an Charme und Eleganz. Doch zugleich gewinnt es bewegtes und bewegendes Leben zurück. In diesem »Reigen« überzeugten vor allem Stephanie Manz als Ehefrau und Frank Schade [gemeint war Sven Kube] als mißgelaunter Filmregisseur.
ADOLF FINK
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Frankfurter Rundschau, 26. März 2002
Rasch wieder in die Jeans
Ein »Reigen« mit Laiendarstellern des teAtrum VII und
der Jungen Bühne Frankfurt
Ein Zwölfakter. Wörtlich genommen. Als Arthur Schnitzler den Reigen 1896 niederschrieb, waren es noch zehn – aber das ist lange her und im Wien der Jahrhundertwende waren bereits zehn vollzogene Geschlechtsakte mindestens zehn zu viel. Natürlich taugt im 21. Jahrhundert das zufällige Zusammentreffen zweier fremder Menschen, die miteinander ins Bett steigen und sich anschließend wieder trennen, nicht eben zum Skandal. Doch bleibt das Stück auch nach mehr als hundert Jahren nicht ohne Wirkung.
Die Laiendarsteller des teAtrum VII und der Jungen Bühne Frankfurt versammeln unter der Regie von Sascha Weipert ein modernes Figurenensemble auf der Bühne des Kellertheaters, das durchweg überzeugt: Von der Hure über den Piloten zum Minister – immer wieder geht es um nichts weiter als den bloßen Akt. Am Ende schließt sich der Reigen und die Hure der ersten Szene trifft auf den Minister, der sich kurz zuvor noch mit der Schauspielerin in den Laken wälzte.
Natürlich meint es keiner ernst mit dem anderen, und dem kurzen Moment der Lust folgt schnell Ernüchterung. »Ich wollte nur mit dir pennen«, erklärt die Studentin dem Filmregisseur. Ihr halbherzig nachgeschobenes »Tut mir leid, wenn du jetzt traurig bist«, hält sie nicht davon ab, möglichst rasch in ihre Jeans zu schlüpfen und zu verschwinden.
Das (Balz-)Verhalten der Figuren ist standardisiert. Kaum, dass sie bekommen haben, was sie begehren, verlieren sie jegliche Aufmerksamkeit an ihrem Gegenüber. Was bleibt ist die quälende Suche nach dem einzigen, selig machenden Glück, »einen Menschen zu finden, von dem man geliebt wird«. »Sag’ wenigstens, hast du mich gern«, bittet das Mädchen den Piloten. Mit »Na, das musst du doch gespürt haben«, zieht der sich aus der Affäre.
Wie so manche Kellertheaterproduktion ist auch diese mit mehr als zweieinhalb Stunden recht lang geraten. Aber das Durchhalten lohnt sich, nicht zuletzt um dem Tête-à-Tête der extrovertierten Schauspielerin (Sabine Koch) und dem verklemmten Minister »Rolando« (Kai Thomas) beizuwohnen.
Anders als bei Schnitzler endet der modernisierte Reigen allerdings nicht mit dem Anzeichen der Veränderung. Aber das muss wohl so sein. Hundert Jahre mehr an Erfahrung in Beziehungsangelegenheiten haben eines Besseren belehrt.
YVONNE RIEBELL
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Frankfurter Rundschau, 26. Juni 2001
Blutleer
»Caligula« im Kellertheater
Die Musik steigert sich zum ohrenbetäubenden Lärm, das Licht wird erst heller, schließlich schmerzhaft grell. Anarchie und Chaos. Und Ratlosigkeit. Wo steckt der Kaiser? Die Untertanen mutmaßen, streuen Gerüchte. Planen den Staatsstreich. Dann kehrt der gottgleiche Kaiser zurück. Voller Wut und Verzweiflung über den Tod der geliebten Schwester. Und völlig gewandelt – dem Herrscher ist der Sinn des Lebens abhanden gekommen: »Die Menschen sterben, ohne glücklich zu sein.« Er verlangt nach dem Unmöglichen, will die Ordnung der Welt verändern, den Mond zum Geschenk, die Unsterblichkeit. Seine neue Herrschaft wird zur grausamen Prüfung für das Volk: Er fordert unmenschliche Abgaben, lässt Unschuldige auf dem Schafott sterben, »denn wer die Macht hat, muss sich um die Logik keine Gedanken machen.« Das Leben wird zur großen Orgie aus Gewalt, Sex und Drogen.
Soweit so schlecht. Die Gruppe teAtrum VII hat unter der Regie von Sascha Weipert Albert Camus’ erstes Bühnenwerk Caligula des historischen Gewands beraubt und ein modernes übergestülpt. Caligula trägt statt der traditionellen Toga Jeans und Bauchnabel-Piercing und ist eine Frau (Eva-Maria Meyer). Ihr Hofstaat gibt sich mondän im grauen Zweireiher und führt konspirative Zwiegespräche per Videoaufzeichnung. Die Handlung rast, die Mimen agieren laut, und auf der Bühne entfaltet sich eine bunte Viva-Welt. Die Idee ist interessant und funktionierte auf der Kino-Leinwand mit Shakespeares Romeo und Julia auch ganz wunderbar. Doch die Produktion im Frankfurter Kellertheater kommt ein wenig zu sehr mit dem Holzhammer daher.
Die vormals philosophischen Dialoge, die Camus 1942 vor dem Hintergrund des Existenzialismus niederschreibt, verschwinden beinah völlig hinter dem penetranten Drogenkonsum der Darsteller, die rauchen, haschen und koksen, was das Zeug hält. Gleichzeitig fallen die Hüllen, die Röcke rutshen bis auf Sliphöhe, manch einer lässt sich gar ganz ohne Stoff über die Bühne zerren. Doch bei allem Bemühen um Abgründiges mag sich wirklich Erschreckendes nicht einstellen.
Caligula bleibt trotz aller Pamphlete gegen das Leben und die Liebe farblos, der Hofstaat wirkt hölzern und blutleer. Einzig Sven Kube, der auch Co-Regie führte, überzeugt. Mal als heiser-flüsternder Patenverschnitt, der listig eine Intrige gegen den Kaiser anstiftet, mal als ängstlich-opportuner Patrizier zeigt er, welches Potenzial in der Geschichte steckt, die einen Herrscher porträtiert, der seine Machtfülle bis zum äußersten ausreizt. Auch ist die Inszenierung ein wenig lang geraten. Nach knapp zweieinhalbstündigem Exzess hofft man bloß noch, Caligula möchte seinen Todesmonolog doch bitteschön beenden und recht bald zum Dolch greifen.
YVONNE RIEBELL
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Frankfurter Rundschau, 21. Juni 2000
Blutsauger im Wannenbad
Schöne Gruseleffekte bei »The British Vampire« von der Gruppe teAtrum VII
Vampire sind unter uns. Nicht nur die untoten Blutsauger mit den weißen Wangen und den spitzen Zähnen. Nein, es gibt nocho andere, die ganz harmlos daherkommen: Politiker, Bankiers, Kredithaie und Wirtschaftsbosse. Diese böse Spezies möchte Professor Abronsius als Humanist und Menschenfreund ausrotten.
Das Theater an der FH und die zwölfköpfige Theatergruppe teAtrum VII haben sich bei The British Vampire einiges vorgenommen: Zwei Klassiker werden in nervenaufreibender Weise zusammengebracht. In Roman Polanskis Film Tanz der Vampire schleichen sich die Macbeths von Shakespeare hinein. Blutrünstig wie sie sind, reihen sie sich problemlos als Vampire in die Handlung ein.
Das Stück unter der Regie von Sascha Weipert und Sven Kube genießt diesen bluttriefenden Stoff und brilliert durch eine gelungene Besetzung, wie Andrej Kristuf als wamperter Wirt, der täppisch beflissen und lüstern zugleich durch die Gegend scharwenzelt. Professor Abronsius (Nils Volkersen), der auf seiner Suche nach Vampiren beim Wirt einkehrt, ist nicht ganz so trottelig wie in Polanskis Film, dafür aber ebenfalls kauzig und wunderbar überkandidelt. Volkersen, der im richtigen Leben Professor an der Fachhochschule ist, weiß die kleinen Tricks der Kollegen überspitzt vorzuführen. Sein Adlatus Alfred (Sebastian Hinz), herrlich unbefangen und unsicher, kann sich der Attacken der Vampire kaum erwehren. Und die Wirtstochter Sarah, mit morbider Schönheit von Nicole Wissel gespielt, triumphiert am Schluss mit blutigen Zähnen über ihr Opfer.
Ein stimmgewaltiger und im wahrsten Sinne grobschlächtiger Zeitgenosse ist auch Sven Kube als Macbeth, der aber auch seine ängstlichen und widersprüchlichen Seiten zeigt. Lady Macbeth (Carmen Weipert) wirkt am überzeugendsten, wenn sie unheilschwanger mit spitzem Gesicht vor sich hin starrt oder, dem Wahnsinn verfallen, sich die blutigen Hände wischt. Als tuntiger Sohn der Macbeths sorgt Dirk Zill schließlich für einige furiose Szenen im Wannenbad.
Mit Bühnenbild, Lichtführung (Andrea Breu) und Musik (Theo Hoffmann) beschwört teAtrum VII ein stimmungsvolles Geisterbahnfeeling. Wohliges Schaudern packt einem beim liebevoll gruselig gestalteten Bühnenbild, wo Spinnweben neben schwarzen Tüchern hängen und Kerzen in silbernen Leuchtern tropfen. Synthesizerklänge laufen derweil kalt den Rücken hinunter. Dagegen ist eine Freiluft-Szene im Garten anfangs so romantisch, dass man sich nicht im kalten Schottland inmitten von Vampiren wähnt. Unter Bäumen erhellen Fackeln eine Zinkbadewanne, in der sich die verschleppte Sarah im Schaumbad ergötzt. Doch die Idylle wird jäh zunichte gemacht, als ein Jaulen von Wölfen erklingt und kurz darauf mit Donnerhall drei Hexen Macbeth ihre gräßlichen Weissagungen entgegenschmettern.
Es gelang der Aufführung trotz fast dreistündiger Spieldauer, kurzweilig zu bleiben. Dazu beigetragen haben sicherlich auch die kleinen Ortswechsel. Das Publikum musste die verschiedenen Schauplätze nicht nur imaginieren, sondern auch aufsuchen. Vom Foyer über die Hauptbühne in den Garten und wieder zurück. Zum Schluss tanzen Professor, Alfred, die Macbeths, Sarah und Untote den Tanz der Vampire. Das Publikum steht in achtungsvollem Abstand um die Tanzfläche – niemand will schließlich gebissen werden.
ANNIK AICHER
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Frankfurter Allgemeine Zeitung, 6. Dezember 2000
Macbeth, der Vampir
Theaterprojekt der Fachhochschule
Die Assoziation ist mutig, aber plausibel: Shakespeares Gruselkönig Macbeth findet nach seinen Greueltaten auf ewig, also auch nach seinem Tod, keine Ruhe mehr – ganz wie ein Vampir. Ein Teil der Vampirlegende besteht nämlich darin, daß geächtete Menschen, auch wenn sie gestorben sind, von der Gesellschaft ausgestoßen bleiben. Jeder, der den gesellschaftlichen Konventionen trotzte, konnte also nach seinem Tod zum Vampir werden.
Die Gruppe »teAtrum VII« der Fachhochschule Frankfurt hat versucht, diese beiden Stränge miteinander zu verbinden. Ihr Stück »The British Vampire« verknüpft Motive aus Shakespeares Drama »Macbeth« mit Motiven aus Polanskis Film »Tanz der Vampire«. Das Problem dieses Ansatzes liegt im Polanski-Film. »Tanz der Vampire« ist eine großartige Persiflage auf das gesamte Vampirfilm-Genre und entlarvt beinahe jedes Gruselfilm-Klischee. Die Hauptperson des Films, Vampirjäger Professor Abronsius (im Stück lehrt er an der Universität Greifswald), ist eine Witzfigur. Shakespeares Macbeth ist dagegen eine zutiefst tragische Figur.
Was das Stück dennoch sehenswert macht, ist neben der engagierten Darstellung der Laienschauspieler auch das ansprechende Kerzenschein-Ambiente im Foyer, die intelligente Nutzung der Räumlichkeiten der Fachhochschule sowie ganz besonders die eindrucksvolle musikalische Untermalung. (Weitere Vorstellungen am 16. und 20. Dezember.)
köh.
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Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16. Juni 1999
Hochnäsiger Butler in Strapsen
Premiere im Kellertheater
Kalt wie ein Fisch wirkt Gräfin Olivia (Carmen Weipert), wenn sie wie die Schneekönigin durch ihr Haus stolziert. Trotzdem sind alle Männer verrückt nach ihr – bis auf den jungen Cesario, den sie später als feinen Mann ernten will. Doch nichts ist, wie sie glaubt. Cesario heißt eigentlich Viola, ist eine Frau und liebt den stolzen Herzog Orsino. Er sieht aus wie ein Ägypter und ist von der Einzigartigkeit seiner Leidenschaft für Gräfin Olivia überzeugt, was ihn gleichwohl nicht davon abhält, später seinen »Laufburschen« Viola zu heiraten.
Jeder weiß, was er will, aber nicht alle erreichen ihr Ziel – und so erzählt Regisseur Sascha Weipert Shakespeares Komödie »Zwölfte Nacht oder Was ihr wollt« in der gut verständlichen zweisprachigen Koproduktion des »teAtrum VII« und des Frankfurter Kellertheaters als Geschichte der Sehnsucht und Zurückweisung. Das Glück hätte größer sein können, wären da nicht die Premierenpannen gewesen. Doch zwischen Streicheleinheiten und Planschereien im Wasserbecken grinst mit einem Augenzwinkern die Narrheit hervor. Das Becken hält nicht stand, und das Wasser ergießt sich plätschernd irgendwohin unter die Bühne. Am Ende wallt nur noch der Nebel durch die Zuschauerbänke. »Sind sie jetzt alle tot?« fragt sich der Betrachter nach Malvolios Racheschwur, kann jedoch nichts erkennen.
Der Narr, der trotz Reduzierung der Figuren nicht fehlen darf, ist jedenfalls ein melancholischer und abgerissener Wortverdreher (Nicole Wissel). Daß er ebenso wie Olivias saufender Onkel Sir Toby Belch in eine Frauenfigur umgewandelt wurde, ist für die Inszenierung durchaus ein Gewinn: Im hautengen Kleid (Anja Spriestersbach als Lady Belch) oder in löcheriger Spitzenwäsche machen die Damen eine gute Figur. Wenn Anja Spriestersbach sich frivol auf dem Klavier wälzt und die Trinkerin mimt oder in einem plötzlichen Wutausbruch mit ihrem Plateauschuh in die Luft boxt und dazu hysterisch kreischt, wird sie nur noch von Sven Kube als Olivias schmachtendem Butler Malvolio übertroffen: So hochnäsig, wie nur der Bedienstete einer hochgestellten Dame sein kann, dazu mit einer an Tom Waits erinnernden Stimme gesegnet, läßt er sich jeden Satz, den er »very british« sprechen darf, genüßlich auf der Zunge zergehen. Sobald er aber akrobatische Verrenkungen in Strapsen vollführt, bricht Kube alle Lachrekorde.
Die Kostüme – eine Symbiose aus »Alice im Wunderland« und »Starlight Express« – tragen farbenfroh das Ihrige bei. Karg und schwarz hat Sascha Weipert dagegen das Bühnenbild gehalten. Schwachpunkt der Inszenierung ist die recht eintönige Musikbegleitung am Klavier, was den Unterhaltungswert der Aufführung allerdings nicht unbedingt schmälert.
CLAUDIA WENTE
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Frankfurter Rundschau, 14. Juni 1999
Frack und Strapse
Nichts bleibt, wie es ist, und nichts ist wie es scheint in der bunten Verwechslungskomödie Zwölfte Nacht oder Was ihr wollt von William Shakespeare. Olivia liebt Cesario, der Orsino liebt, doch Cesario liebt eigentlich Viola – verkleidet. Und Orsino liebt Olivia, am Ende aber dann doch Viola. Und so weiter. Ein Stück elisabethanischen Theaters mit großen schauspielerischen Möglichkeiten, welche jetzt vom Ensemble teAtrum VII bei seinem Gastspiel im Kellertheater erfreulich erfrischend wahrgenommen wurden.
Herausragend Anja Spriestersbach in der Rolle der versoffen-lasziven Lady Belch im hautengen blauen Cocktailkleid – bei Shakespeare als Sir angelegt -, die sich meisterlich von der Muse der Ironie hat küssen lassen. Außerdem (stellt) Sven Kube, der in pinkfarbenem Frack oder in schwarze Strapsen gekleidet, in gleich drei Rollen, der eines Käpt’ns, des Antonio und des Malvolio eindrücklich unter Beweis, daß er die gesamte Bandbreite von Tragödie bis Komödie beherrscht. Mal mitleiderregend verzweifelt, mal zum Wegschmeißen komisch, was ihm sogar einen Szenenapplaus einbrachte.
Gespielt wird auf zwei einander gegenüberliegenden Bühnen umd dem Parkett dazwischen, wo ein Klavier mal gespielt wird, mal als Bar dient, an der geweint, gekaspert und gesoffen wird, und an der allerlei Fiesigkeiten geboren werden.
Sascha Weipert hat der Schlegel’schen Übersetzung des Textes eine behutsame Überarbeitung in ein zeitgemäßeres Deutsch angedeihen lassen, wiewohl immer Passagen auf Englisch gegeben werden. Er führt auch Regie – vielfältig und wohldosiert, was die Mittel angeht und mit einer glücklichen Hand dafür, eine dreieinhalbstündige Aufführung sinnlich und bis zur letzten Minute spannend zu gestalten. We were amused.
prmo.
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